Sicherheit im Radverkehr: Sind schnelle Verbesserungen möglich? - ADFC Bochum

Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Bochum e. V.

Sicherheit im Radverkehr: Sind schnelle Verbesserungen möglich?

Am 24. Februar hatte der ADFC Bochum den „Fahrradprofessor“ David Kohlrautz in die Quartiershalle der KO-Fabrik eingeladen. Thema des Abends: schnelle und wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit im Radverkehr.

Vortrag Prof.Kohlrautz
Vortrag Prof.Kohlrautz © ADFC Bochum

Statistik: Stagnation statt Fortschritt

Zu Beginn gibt Prof. Dr.-Ing. David Kohlrautz, Inhaber der neu eingerichteten Fahrradprofessur an der Hochschule Bochum, einen Überblick über die Entwicklung der Verkehrssicherheit. Im Vergleich zu 1990 hat sich die Zahl der getöteten Radfahrenden zwar halbiert. Seit etwa 2010 jedoch stagnieren die Zahlen - im Gegensatz zu anderen Verkehrsmitteln steigen sie teilweise sogar wieder leicht an. 

Kohlrautz benennt vier wesentliche Einflussfaktoren: 

  • Technische Fortschritte kommen im Radverkehr kaum an (etwa im Vergleich zu Airbags im Pkw),
  • die Verkehrsleistung nimmt insgesamt zu,
  • höhere Geschwindigkeit durch Pedelecs,
  • eine stärkere Nutzung des Fahrrads durch ältere Menschen, die statistisch besonders unfallgefährdet sind. 

Die genauen Unfallzahlen für 2025 stehen noch aus. Kohlrautz bezeichnet sie bereits jetzt als „katastrophal“.

Wo also ansetzen, um die Sicherheit für Radfahrende zu verbessern? Zwei klare Schwerpunkte lassen sich erkennen: Rund zwei Drittel der Radverkehrsunfälle ereignen sich an Kreuzungen, Einmündungen und Zufahrten, etwa ein Drittel geschieht auf freier Strecke – häufig im Zusammenhang mit ruhendem Verkehr.

Allerdings weisen die zugrunde liegenden Statistiken erhebliche Lücken auf. Viele Unfälle – insbesondere Alleinunfälle infolge mangelhafter Infrastruktur – werden gar nicht gemeldet. Die Dunkelziffer ist im Radverkehr besonders hoch. Zudem nutzen oft nur erfahrene Radfahrende jene besonderen Angebote für den Radverkehr („Führungsformen“), die statistisch als weniger unfallträchtig gelten. 

Führungsformen des Radverkehrs: objektive und subjektive Sicherheit

Im Anschluss stellt Kohlrautz verschiedene Führungsformen des Radverkehr vor. Statistisch gelten Schutzstreifen und Radfahrstreifen auf der Fahrbahn als sicherer als baulich getrennte Radwege. Ein Grund: Radfahrende bleiben im direkten Sichtfeld des motorisierten Verkehrs. Bei getrennten Radwegen kommt es häufiger zu Konflikten – unter anderem durch regelwidriges Fahren entgegen der vorgeschriebenen Richtung. 

Allerdings müsse zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit unterschieden werden. Wenn Radstreifen aus Unsicherheit gemieden werden und Menschen stattdessen auf den Gehweg ausweichen oder ganz auf das Fahrrad verzichten, wird das Ziel der Radverkehrsförderung verfehlt.

Die Bewertung vorhandener Radwege ist zudem schwierig, da viele Anlagen veraltet sind und nicht mehr dem Stand der Technik entsprechen. Verbesserungen wären durchaus möglich: Querungshilfen könnten das Fahren in Gegenrichtung reduzieren, Radwege an Knotenpunkten näher an die Fahrbahn herangeführt werden. Radfahrstreifen sollten ausreichend breit sein und einen klaren Sicherheitsabstand zu parkenden Fahrzeugen aufweisen – sofern dort überhaupt geparkt werden muss. 

Konkrete Verbesserungsmaßnahmen

Eine Reduzierung der Geschwindigkeit wirkt sich unmittelbar auf Unfallrisiko und Unfallschwere aus – und erhöht zugleich das subjektive Sicherheitsgefühl. Im der Praxis scheitern entsprechende Maßnahmen jedoch häufig an rechtlichen Argumenten. Trotz des Leitbilds Vision Zero darf der motorisierte Verkehr vielerorts weiterhin kaum eingeschränkt werden. 

Schutz- und Radfahrstreifen sind nur sinnvoll, wenn ein ausreichender Puffer zum ruhenden Verkehr besteht. Zwar reduzieren Schutzstreifen das Befahren von Gehwegen, beim Überholen orientieren sich viele Autofahrende aber eher an der Markierung als am vorgeschriebenen Mindestabstand. Seit 2021 schreibt die Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung Sicherheitstrennstreifen vor. Fehlen diese, müssen Park- oder Radstreifen entfallen – letztlich eine  politische Entscheidung. Einen „Bestandsschutz“ für Markierungen gibt es nicht.

Als weitere Option nennt Kohlrautz sogenannte Protected Bikelanes, die sich relativ schnell mithilfe von Leitschwellen – etwa aus dem Baustellenbereich – einrichten lassen. Ihr Nachteil: Häufig sind sie nicht breit genug, um Überholvorgänge innerhalb des Radverkehrs zu ermöglichen. 

Besonders vielfältig sind die Maßnahmen an Knotenpunkten: farbliche Markierungen, zusätzliche Beschilderungen, bauliche Erhöhungen, geschützte Kreuzungen, vorgezogene Haltelinien, Radweichen, Ampelschaltungen mit Zeitvorsprung oder Abpollerungen. Die Fülle an Varianten führt im Publikum zur Frage, ob eine einheitlichere, einfachere Verkehrsführung nicht sinnvoller wäre – nach dem Motto „Keep it simple“. Angesichts komplexer Verkehrssituationen und der Herausforderungen selbst bei Führerscheinprüfungen ein durchaus berechtigter Einwand. Letztendlich steht und fällt jede Maßnahme mit der Akzeptanz der verschiedenen Verkehrsteilnehmer:innen.

Gegen das „hemmungslose“ Zuparken von Kreuzungsbereichen empfiehlt Kohlrautz eine einfache Maßnahme: Poller oder alternativ Fahrradbügel zur Freihaltung der Sichtachsen. Die Übersicht bleibe gewahrt, Querungen für Fußgängerinnen und Fußgänger würden nicht beeinträchtigt.

Fazit: Schnell machbar – politisch umkämpft

Zum Abschluss stand eine Frage im Raum, die viele beschäftigt haben dürfte: Wo bleibt die versprochene „schnelle Verbesserung“?

Kohlrautz verweist auf kurzfristig umsetzbare Maßnahmen wie Abpollerungen, die rasche Markierung von Radfahrstreifen oder kleinere bauliche Anpassungen an Knotenpunkten. Vor der kurzfristigen Umsetzung, so die vielfache Erfahrung von Akteurinnen und Akteuren der lokalen Radpolitik, sind allerdings meist langwierige Diskussionen mit Politik und Verwaltung zu bestehen – oft um jeden einzelnen Autostellplatz, der einer sicheren Infrastruktur weichen müsste. 

Von dem Vortrag fühlen sich jedoch die Radakteure insgesamt bestätigt, haben sie doch in vielen Anträgen und Aktionen auf die beschriebenen Probleme und Verbesserungsmaßnahmen hingewiesen (Tempo 30, Sicherheitstrennstreifen etc.). Nun erhoffen sie auch von der Stadt und Verwaltung eine zügigere Umsetzung als bisher.


https://bochum.adfc.de/neuigkeit/sicherheit-im-radverkehr-sind-schnelle-verbesserungen-moeglich

Bleiben Sie in Kontakt